Die Pleitewelle in Deutschland reißt nicht ab

Patria
AutorPatria
10:41
Podijeli:
Die Pleitewelle in Deutschland reißt nicht ab

(Patria) - Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland hat in den ersten drei Quartalen dieses Jahres den höchsten Stand seit elf Jahren erreicht.

Wer ist davon am stärksten betroffen und ob sich die Situation bald verbessern könnte, darüber schreibt heute Morgen Deutsche Welle.

„Die Insolvenzwelle hält an. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen geraten in Schwierigkeiten“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters am vergangenen Freitag den DIHK-Konjunkturexperten Volker Treier.

Eine DIHK-Umfrage ergab, dass sich fast jedes dritte Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten eine Verschlechterung der Geschäftslage fürchtet. Diese Unternehmen machen rund 85 Prozent aller Firmen im Land aus.

Am selben Tag (12.12.2025.) teilte das Statistische Bundesamt mit, dass die deutschen Gerichte bis Ende September 18.125 Anträge auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens über Vermögen von Unternehmen gemeldet hätten – fast 12 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Damit war die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland in den ersten drei Quartalen 2025 die höchste seit elf Jahren.

Dass gerade kleine Unternehmen betroffen sind, bestätigt auch Professor Steffen Müller. Insolvenzen „finden zu einem großen Teil im Kleinunternehmerbereich statt“, betonte der Leiter des Insolvenzforschungsinstituts am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle im Gespräch mit DW.

Was die Zahl der Beschäftigten angeht, „liegt die durchschnittliche Größe bei zehn Beschäftigten, aber die Mehrheit der Firmen ist noch kleiner.“

Auch wenn sie in dieser Betrachtung keine entscheidende Rolle spielt, zeigt sich die aktuelle Pleitewelle auch im privaten Bereich. Im vergangenen Jahr stieg in Deutschland auch die Zahl der Privatinsolvenzen. In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres wurden 57.824 Verbraucherinsolvenzen verzeichnet – mehr als acht Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Auch wenn der „Pleitegeier“ hauptsächlich über Kleinstunternehmen mit wenigen Beschäftigten kreist, ist die Zahl der verlorenen oder ernsthaft gefährdeten Arbeitsplätze durch den Anstieg der Insolvenzen bei Personen- und Kapitalgesellschaften deutlich gestiegen. Dies hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung berechnet und für das laufende Jahr rund 170.000 betroffene Arbeitsplätze ermittelt. Vor der Corona-Pandemie waren es weniger als 100.000.

Klaus-Heiner Röhl, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, möchte die Auswirkungen dieses Trends auf den Arbeitsmarkt nicht überbewerten. Zwar trügen „Insolvenzen zu einer leicht erhöhten Arbeitslosigkeit bei, die Entwicklung der Lage sei aber nicht dramatisch.“

Etwas anders sieht das Steffen Müller. Seinen Berechnungen zufolge ist im Jahr 2025 „mit rund 200.000 betroffenen Arbeitsplätzen zu rechnen – das ist relativ viel. In den Jahren vor der Pandemie waren es etwa halb so viele.“ Ein Teil dieser Arbeitsplätze „wird wahrscheinlich tatsächlich wegfallen, weil Insolvenzen zu Schließungen von Unternehmen führen.“

Dennoch weist er auch darauf hin, dass viele Arbeitsplätze in anderen Unternehmen entstehen. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt seien „insgesamt erträglich. Man darf nicht vergessen, dass bei einer Marktbereinigung oft auch Arbeitnehmer von schwachen in gute Firmen wechseln.“

Für Müller sind die aktuellen Zahlen nicht völlig unerwartet: „Insgesamt war mit einem Anstieg der Insolvenzen zu rechnen. Die Größenordnung überrascht aber doch ein wenig.“ Auch Klaus-Heiner Röhl ist nicht überrascht: „Grundsätzlich war eine solche Entwicklung zu erwarten, angesichts der Dauer der wirtschaftlichen Schwäche hätte die Zahl der Insolvenzen auch höher sein können.“

Röhl sieht die Gründe für die hohe Zahl der Insolvenzen nicht nur auf der Unternehmerseite: „Der Hauptgrund ist wahrscheinlich die fast dreijährige schwache Konjunktur mit stagnierender oder leicht rückläufiger Wirtschaft.“

Dazu tragen auch die Energiepreise, der Krieg Russlands in der Ukraine und die Transformation zur Klimaneutralität bei, was die Geschäftstätigkeit von Unternehmen zusätzlich erschwert. „Inwieweit Politik mit verzögerten Reformen und einzelne Unternehmen mit verspäteten Anpassungen zu den Problemen beigetragen haben, ist schwer zu quantifizieren“, sagt Röhl.

Auch Müller will die Schuld nicht einer Seite zuschieben: „Die Gründe für eine Insolvenz sind immer sehr individuell.“ Probleme entstünden oft durch einzelne Fehlentscheidungen, wie eine schlechte Produktauswahl, Konflikte zwischen Management und Mitarbeitern, Streitigkeiten mit wichtigen Eigentümern oder anderen Stakeholdern.

- Wenn dann noch stark steigende Kosten, Strukturwandel, geopolitische Unsicherheiten und Zölle hinzukommen, führen individuelle Schwächen und Fehler schneller in die Insolvenz. Völlig gesunde, gut positionierte Unternehmen, die zu den Besten ihrer Branche gehören, müssten nur wegen schlechterer Rahmenbedingungen verschwinden – das passiert wohl eher selten – betont Müller.

Der Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) sieht die aktuelle Situation relativ gelassen. Der VID-Vorsitzende Christoph Niering sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Nach den Nachholeffekten aus der Corona-Zeit und dem damit verbundenen Anstieg der Insolvenzen normalisiert sich die Entwicklung wieder. Es ist aber noch kein Trendwechsel, aber ein Licht am Ende des Tunnels.“

Ähnlich äußert sich Müller: „Im Jahr 2026 werden wir uns wahrscheinlich auf einem ähnlich hohen Niveau wie 2025 bewegen. Das ist aber nur eine bedingt gute Nachricht, denn wir sind langsam in der roten Zone angekommen.“ Eine Verschlechterung sollte es also nicht geben. Denn der Blick auf die Schlüsselgruppe der Personen- und Kapitalgesellschaften zeigt: „Mit ähnlichen Ausmaßen waren wir zuletzt vor 20 Jahren konfrontiert.“

Einen Hoffnungsschimmer sieht auch Ökonom Röhl: „Wenn die Wirtschaft im nächsten Jahr um etwa ein Prozent wächst, wie verschiedene Institute erwarten, dürfte es auch zu einer Beruhigung der Insolvenzen kommen.“ Allerdings werde eine Verringerung der Insolvenzen nicht von selbst kommen: „Strukturelle Probleme wie die US-Zölle, die Konkurrenz aus China und die Energiekosten bleiben bestehen.“

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