
(Patria) - Das Europäische Parlament wird heute Nachmittag während seiner Plenarsitzung in Straßburg des 30. Jahrestages des Völkermords von Srebrenica gedenken.
Vor der Sitzung sandte der Reisul-ulema der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, Husein Kavazović, ein Schreiben an religiöse Führer und Beamte auf der ganzen Welt, das in mehrere Weltsprachen übersetzt wurde.
Das Schreiben wurde auch an alle Abgeordneten des Europäischen Parlaments verteilt, und die Direktion für auswärtige Angelegenheiten und Diaspora des Präsidiums der Islamischen Gemeinschaft sandte zusammen mit dem Schreiben eine Srebrenica-Lilie an alle.
Wir geben das Schreiben des Reisul-ulema vollständig wieder:
"Sehr geehrte Bürger Europas und der Welt, ich wende mich an Sie als religiöses Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, aber auch als Hüter der Erinnerung an diejenigen, deren Leben in einem der dunkelsten Kriege und Verbrechen der modernen Geschichte ausgelöscht wurde.
Ich wende mich auch mit einem Gefühl tiefer Verantwortung an Sie, denn die Art und Weise, wie wir uns an das begangene Verbrechen erinnern und daraus lernen, bestimmt die Grenze zwischen Zivilisation und ihrem Niedergang.
Der dreißigste Jahrestag des Völkermords von Srebrenica, den wir in diesen Tagen begehen, ist nicht nur ein Moment des Gedenkens, sondern auch ein Moment der Auseinandersetzung mit der Wahrheit und der Verantwortung. Fast drei Jahrzehnte sind vergangen, seit 8.372 Männer und Jungen vor den Augen der Welt ermordet wurden, nur wegen ihres Namens.
Dieses Verbrechen, das rechtskräftig als Völkermord verurteilt wurde, gehört nicht nur zur Geschichte Bosniens und Herzegowinas. Es gehört zum kollektiven Gewissen der Menschheit, denn wenn irgendwo die Gerechtigkeit erlischt, verlieren alle, die an die Würde des menschlichen Lebens glauben, den Boden unter den Füßen.
Wir sind allen dankbar, die im Mai letzten Jahres in der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution über den Völkermord von Srebrenica unterstützten, die den 11. Juli zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des Völkermords von Srebrenica erklärt, sowie denen, die die Bedeutung der Bewahrung der historischen Wahrheit über das, was in den neunziger Jahren in Bosnien und Herzegowina geschah, erkannten.
Ihre Annahme ist ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit, aber ihre wahre Stärke liegt in dem, was danach kommt. Die Auseinandersetzung mit der Wahrheit darf kein sporadischer Akt sein, sondern eine dauerhafte Verpflichtung von Institutionen, Gesetzgebungsorganen und Bildungssystemen.
Der Völkermord von Srebrenica darf nicht auf eine historische Fußnote reduziert werden, sondern muss zu einer grundlegenden Lektion in Schulen und Universitäten werden, sowohl in Bosnien und Herzegowina als auch in ganz Europa und der Welt.
Nur durch Bildung und nur durch ein klares Verständnis, wie diese Verbrechen entstanden sind, können wir Gesellschaften schaffen, die ihre Wiederholung nicht zulassen.
Heute, wo wir Zeugen von Versuchen sind, den Völkermord zu leugnen und Verbrecher zu verherrlichen, liegt die Verantwortung nicht nur bei den Überlebenden oder nur bei Bosnien und Herzegowina. Sie gehört allen, die an die universellen Werte von Wahrheit und Gerechtigkeit glauben.
Jede Leugnung ist nicht nur eine moralische Beleidigung der Opfer – sie ist eine Bedrohung für Frieden und Stabilität, denn die Relativierung von Verbrechen bereitet immer den Boden für ihre Wiederholung. Deshalb darf die internationale Gemeinschaft nicht schweigen angesichts derer, die versuchen, die Geschichte zu fälschen und die Fundamente der Gerechtigkeit zu untergraben.
Die Erinnerung an den Völkermord von Srebrenica darf keine bloße jährliche Gedenkfeier bleiben, sondern muss in die Fundamente der Gesellschaft eingebettet werden – durch Bildungsprogramme, die die Wahrheit an künftige Generationen weitergeben, durch Gesetze, die ihre Leugnung verhindern, und durch Institutionen, die sicherstellen, dass Verbrechen niemals relativiert oder gerechtfertigt werden.
Wenn wir eine Welt wollen, in der Gerechtigkeit und Frieden keine vergänglichen Ideale, sondern dauerhafte Werte sind, müssen wir sie auf einer unbestreitbaren Wahrheit aufbauen.
Srebrenica ist nicht nur Vergangenheit, sondern eine Warnung, die wir nicht ignorieren dürfen. Vergessen ist nicht nur eine Ungerechtigkeit gegenüber den Toten – es ist eine Bedrohung für die Lebenden. Wahrheit ist keine Last, sondern der einzige Weg, der zu einer gerechteren und sichereren Welt führt.
Wenn wir die Lehren aus dem Völkermord von Srebrenica ziehen, werden seine Opfer vielleicht nicht umsonst gelitten haben. Vielleicht wird ihr unschuldiges Opfer eine bessere Zukunft für uns alle erhellen. Mit freundlichen Grüßen, Reisul-ulema Husein-ef. Kavazović".
Im Rahmen des Projekts „Die Welt erinnert sich an Srebrenica“ der Direktion für auswärtige Angelegenheiten und Diaspora wird das Schreiben des Reisul-ulema an Tausende von Adressen weltweit, sowohl an politische als auch an religiöse Vertreter, gesendet.
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