
Von Isa Pašalić, Psychologe
Wir erleben, wie oft Menschen andere oberflächlich nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilen, ohne die innere Person, die vor ihnen steht, tiefer zu betrachten. Dieses Phänomen hat im Volk auch das bekannte Sprichwort hervorgebracht: „Man soll ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen.“
Was aber, wenn das natürliche Bedürfnis des Menschen, Menschen nach ihrem äußeren Erscheinungsbild zu beurteilen, auch einen wichtigen Grund für seine Existenz hat? Kann das Beurteilen oder besser gesagt das Einschätzen von Menschen nach ihrem Äußeren eine gültige Wurzel in der Psychologie haben?
Obwohl durch das oben erwähnte Sprichwort die gesellschaftliche Erkenntnis verewigt wurde, dass jede Form der Verurteilung von Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes falsch ist, können wir nicht leugnen, dass wir uns im täglichen Leben genau auf diese Weise bedienen, um Menschen einzuschätzen und uns leichter in der sozialen Umgebung zu bewegen.
Menschen, wie auch Pflanzen, erzählen durch ihr Aussehen von den Bedingungen ihres Lebens, von Narben aus der Jugend, von Narben aus dem Alter, von der Fruchtbarkeit und der Eignung der Umgebung, in der sie gewachsen sind, und von ihrer persönlichen Ergiebigkeit.
Ein guter Analytiker, wie ein guter Botaniker, lernt, die Lebensgeschichte eines Menschen anhand dessen zu erkennen, was die Person mit ihrem Äußeren zeigt. Die Kleidung eines Menschen kann uns etwas über seine finanzielle Situation und seine hygienischen Gewohnheiten sagen, aber auch eine Geschichte über seine Stimmung, seinen Stil und seine Findigkeit erzählen.
Die Körpersprache verrät ebenfalls die Stimmung und den Charakter einer Person. Dies zeigt sich am einfachsten an der Körperhaltung. Personen, die traurig, niedergeschlagen oder beschämt sind, haben oft die Schultern zur Brust gebeugt, was eine Art „Ausgebranntsein“ der Lebensgeister signalisiert.
Auch den inneren Zustand einer Person können wir anhand ihrer Stimme einschätzen. Ist die Person in der Lage, die volle Klangfarbe ihrer Stimme auszudrücken, oder ist sie nicht in der Lage, sie mit der ganzen Bandbreite ihrer Farben und Intonationen zu gestalten?
Diese Form der Analyse ist ein äußerst komplexer Prozess, kann uns aber tatsächlich wichtige Informationen über andere Menschen liefern. Bietet uns diese Analysemethode jedoch ausreichend umfassende Informationen, um eine endgültige Schlussfolgerung zu ziehen? Die Antwort ist – nein.
Die Antwort auf die Frage „Ein Buch nach seinem Einband beurteilen?“ lautet also, dass wir nur beurteilen, um Eingangsdaten zu erhalten, die wir dann durch weitere Bekanntschaft mit der Person bestätigen.
Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo zwischen zwei Extremen.
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