
Von Josep Borrell, Hoher Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik/Vizepräsident der Europäischen Kommission
Vor 25 Jahren beendete das Daytoner Friedensabkommen den blutigsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein verheerender Konflikt, der zu Völkermord, mehr als 100.000 Toten und über einer Million Flüchtlingen führte. Die Erinnerungen an diesen Krieg im Herzen unseres Kontinents werden uns für immer begleiten.
Wenn wir auf die letzten 25 Jahre zurückblicken, ist zweifellos ein großer Fortschritt beim Aufbau eines stabilen und demokratischen Bosnien und Herzegowina erzielt worden. Aber der Weg ist noch nicht zu Ende. Es bleibt noch viel harte Arbeit, um sicherzustellen, dass alle Bürger Bosnien und Herzegowinas zuversichtlich in eine prosperierendere Zukunft blicken können, die auf einer klaren politischen Perspektive basiert: der EU-Integration.
Die Geschichte Bosnien und Herzegowinas ist europäisch, und die Zukunft des Landes und des gesamten Westbalkans liegt in der Europäischen Union. Der 25. Jahrestag des Daytoner Friedensabkommens ist ein wichtiger Moment, der die politische Führung und die nationalen Institutionen dazu anregen sollte, von den Strukturen, die den Konflikt beendeten, zu den Prinzipien überzugehen, die den Fortschritt aller Bürger beschleunigen. Mit anderen Worten, von Dayton nach Brüssel.
Heute besteht kein Zweifel daran, dass die Zukunft Bosnien und Herzegowinas in der Europäischen Union liegt. Mit der Stellungnahme der Europäischen Kommission zum Antrag Bosnien und Herzegowinas auf Mitgliedschaft in der EU, die der Rat im vergangenen Dezember verabschiedet hat, haben die Behörden des Landes einen klaren Plan für die Reformen vor sich, die sie durchführen müssen, um Fortschritte auf dem europäischen Weg zu erzielen, einschließlich Verfassungsreformen.
Die Vergangenheit können wir nicht ändern, aber wir können die Zukunft gestalten – gemeinsam. Die europäische Integration ist das einzige und wichtigste Ziel – mit rund 80% Unterstützung der Bürger von BiH –, über das sich die politischen Parteien in BiH und die breitere Öffentlichkeit einig sind. Aufgrund des Mangels an einer klaren positiven Vision für die Zukunft verlassen seit Jahren junge Menschen, von denen einige noch nicht einmal geboren waren, als der Daytoner Friedensvertrag unterzeichnet wurde, Bosnien und Herzegowina, um anderswo ihr besseres Morgen zu finden. Der Prozess der europäischen Integration und die begleitenden Reformen werden vielleicht nicht alle davon überzeugen, im Land zu bleiben, aber sie werden sicherlich dazu beitragen, den Frieden und den Wohlstand dauerhaft zu festigen.
Die Europäische Union ist bereits jetzt der führende Wirtschafts- und politische Partner von BiH, seit kurzem auch im Kampf gegen COVID-19 und bei der sozioökonomischen Erholung von den Folgen der Pandemie. Nun arbeiten wir an der Umsetzung eines beispiellosen Wirtschafts- und Investitionsplans sowie der Grünen Agenda, die die Grundlage für einen besser vernetzten, grüneren und auf die Menschen ausgerichteten Balkan legen.
Junge Generationen überall auf der Welt, auch in Bosnien und Herzegowina, erwarten von den Führungskräften, dass sie sich mit dem Klimawandel befassen, Pläne für nachhaltiges Wachstum und eine digital vernetzte Welt entwickeln. Sie wünschen sich eine Ausbildung, die es ihnen ermöglicht, im Leben erfolgreich zu sein und ihr volles Potenzial in ihrem Land auszuschöpfen. Bosnien und Herzegowina braucht neue Ideen und Beiträge der Jugend. Ihre Welt sollte nicht begrenzt sein. Junge Menschen haben das Recht auf Selbstbestimmung, auf ein Aufwachsen ohne Vorurteile und auf die eigenständige Gestaltung ihrer Zukunft.
Der Fortschritt Bosnien und Herzegowinas auf dem europäischen Weg muss auch von einer echten Versöhnung begleitet werden. Politische Akteure sollten dem Beispiel der Mehrheit der Menschen in Bosnien und Herzegowina folgen, als gute Nachbarn, Kollegen und Freunde, und aktiv das Zusammenleben fördern. Unabhängig von der spaltenden Rhetorik, die in den Medien und im politischen Diskurs vorherrscht, ist offensichtlich, dass das, was die Menschen in Bosnien und Herzegowina verbindet, weitaus stärker ist als das, was sie trennt.
Mit seiner kulturellen, ethnischen und religiösen Vielfalt ist Bosnien und Herzegowina traditionell „in Vielfalt geeint“, ebenso wie die Europäische Union. Der Krieg hat diese Vielfalt brutal gestört, aber nicht zerstört – Bosnien und Herzegowina bleibt ein kulturell reiches und vielfältiges europäisches Land.
Aufgrund der Vergangenheit, aber vor allem wegen der Zukunft dieses wunderschönen Landes und seiner Menschen ist die Verwendung von hetzerischer Rhetorik, Geschichtsrevisionismus und der Verherrlichung von Kriegsverbrechern inakzeptabel. Die Dunkelheit des Krieges in Europa sollte in den Geschichtsbüchern bleiben. Aus ihnen lernen wir und würdigen die Fakten, wobei wir uns auf den Aufbau eines dauerhaften Friedens und einer Gesellschaft konzentrieren, die auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Nichtdiskriminierung und dem vollständigen Schutz der Menschenrechte basiert.
Die Menschen in Bosnien und Herzegowina fordern dies. Sie können auf die Unterstützung der Europäischen Union bei diesen Bestrebungen zählen, wobei die Verwirklichung dieser Bestrebungen in ihren Händen liegt.
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