
Autor: Christian Schwarz-Schilling / DW
Dieses Jahr jährt sich zum 25. Mal, dass die amerikanische Kleinstadt Dayton (Ohio) Geschichte schrieb. Dort wurde am 21. November 1995 nach fast vier Jahren der Krieg in Bosnien und Herzegowina nach Verhandlungen über ein Friedensabkommen beendet, das die drei damaligen Präsidenten Slobodan Milošević, Franjo Tuđman und Alija Izetbegović am 14. Dezember 1995 in Paris unterzeichneten.
25 Jahre nach der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens müssen wir auf seine Entstehung, seinen Inhalt und seine Folgen blicken, um die heutige Situation in Bosnien und Herzegowina zu verstehen.
Entstehung des Dayton-Abkommens
Anfang 1994 engagierte sich die US-Administration unter Präsident Bill Clinton aus mehreren Gründen stark im damaligen Kriegsland Bosnien und Herzegowina und vermittelte im März 1994 zwischen Bosniaken-Muslimen und bosnischen Kroaten die Gründung der Föderation von Bosnien und Herzegowina. Das Föderationsmodell diente der „Kontaktgruppe“, bestehend aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und Deutschland, als Grundstein für spätere Verhandlungen über ein Friedensabkommen.
Der Plan der damaligen „Kontakt-Gruppe“ basierte auf einem Vorschlag Russlands, Großbritanniens und Frankreichs, die von den Serben begangene Verfolgung, d.h. „ethnische Säuberungen“, anzuerkennen und ihnen 49 % des bosnisch-herzegowinischen Territoriums zuzusprechen, obwohl nach der Volkszählung von 1991 nur 31 % der Bevölkerung Serben waren. Später wurde sogar die Umsiedlung verschiedener ethnischer Gruppen akzeptiert, nur um „homogene“ ethnische Gruppen – Serben auf der einen Seite und die Föderation mit Bosniaken und Kroaten auf der anderen Seite – besser abzugrenzen.
Die USA, die lange Zeit die Anerkennung von Kriegsbeute ablehnten, vollzogen Anfang 1995 eine politische Kehrtwende und erkannten eben jene Kriegsbeute, d.h. „ethnische Säuberungen“ und damit die territoriale Teilung zugunsten der Serben an. Deutschland war das letzte Land, das einer solchen Paradigmenänderung zustimmte. Mit dieser im Dayton-Abkommen festgelegten territorialen Teilung wurde der Aggressor am Ende belohnt und die Angegriffenen bestraft. Können wir hier von einem gerechten Friedensabkommen sprechen?
Inhalt des Dayton-Abkommens
Mit starkem Druck der amerikanischen Verhandlungsführer, angeführt von Richard Holbrooke, endete der Krieg in Bosnien und Herzegowina am 21. November 1995 in Dayton. Bosnien und Herzegowina blieb als Staat erhalten, wurde aber in zwei Entitäten geteilt: die Föderation von Bosnien und Herzegowina mit kroatischer und muslimischer Bevölkerung und die Republika Srpska mit überwiegend serbischer Bevölkerung. Ein Sonderverwaltungsbezirk Brčko wurde ebenfalls eingerichtet. Die internationale Gemeinschaft sah einen Hohen Repräsentanten vor, der die Umsetzung des zivilen Teils des Dayton-Abkommens überwachen sollte. Die drei ethnischen Gruppen erhielten ein Vetorecht, um ihre „vitalen nationalen Interessen“ zu schützen und Spannungen und mögliche Streitigkeiten zu vermeiden. Seitdem bedeutet dies auch, dass Mitglieder des Präsidiums und des Abgeordnetenhauses des Parlaments von Bosnien und Herzegowina jede Entscheidung blockieren können, wenn der betreffende „konstitutive Volksstamm“ eine Bedrohung seiner vitalen Interessen sieht.
Nach fast vier Jahren Krieg mit über 100.000 Opfern, über zwei Millionen Flüchtlingen, Massenvergewaltigungen, Lagern für Kriegsgefangene und dem Völkermord von Srebrenica wurde den bosnischen Serben die Hälfte Bosniens und Herzegowinas zugesprochen. Die Auseinandersetzung mit den begangenen Kriegsverbrechen verlief damals wie heute nur schwer, mühsam und unter großen Anstrengungen. Das Dayton-Abkommen begünstigte in diesem Segment die Hauptakteure der Kriegsverbrechen. Trotz allem waren alle erleichtert, als der Vertrag unterzeichnet wurde.
Nach fast vier langen Jahren sammelte die internationale Gemeinschaft die zerbrochenen Scherben eigener Schwächen aus dem Bosnienkrieg ein – leider für viele Menschen zu spät.
Und die Bosnier und Herzegowiner mussten sich neu orientieren. Gemäß dem Dayton-Abkommen hatten Flüchtlinge das Recht, in ihre Heimat zurückzukehren, was in der neu geschaffenen Situation bedeutete, in die neu geschaffenen, ethnisch getrennten Entitäten zurückzukehren. In der Praxis sah diese Rückkehr in die alte Heimat jedoch ganz anders aus. Viele gaben nach jahrelangen erfolglosen Versuchen auf, verkauften ihr Eigentum und wanderten aus. Das Land wurde weiter geteilt und „gesäubert“.
Das Dayton-Abkommen hat im Grunde allen Minderheiten die demokratischen Rechte entzogen, sie existieren in der Verfassung von Bosnien und Herzegowina praktisch nicht, die nur drei ethnische Gruppen (Bosniaken-Muslime, Kroaten und Serben) als konstitutive Volksstämme vorsieht. Die Grundrechte vieler Bosnier und Herzegowiner wurden durch das Dayton-Abkommen gestrichen und durch juristische Verdrehungen pervertiert.
Folgen des Dayton-Abkommens
Man muss sagen, dass das Dayton-Abkommen Bosnien und Herzegowina unregierbar gemacht hat. Ich habe Jahre damit verbracht, das Abkommen und die Verfassung von Bosnien und Herzegowina, die ein Teil davon ist, zu studieren und habe während meiner Amtszeit als Hoher Repräsentant im Jahr 2006 erfolglos versucht, die Verfassung zu ändern. Alle Dayton-Verhandlungsführer wussten damals, dass das Friedensabkommen und die darin verankerte Verfassung faktisch zu kompliziert, unvollkommen waren und dass es auf jedem Schritt Stolpersteine gab. Sie hofften jedoch, wie Richard Holbrooke mir damals in Dayton sagte, dass mit der Zeit, bei Bedarf und mit Hilfe des Hohen Repräsentanten, das Abkommen Schritt für Schritt geändert werden würde.
In den letzten 25 Jahren ist es jedoch niemandem gelungen, weder der internationalen Gemeinschaft noch den Bosniern und Herzegovinern, die Verfassung und damit das Dayton-Abkommen zu ändern. Der damalige Leiter der deutschen Delegation in Dayton, Wolfgang Ischinger, sagte, dass eine Klausel zur obligatorischen Überprüfung in den Vertrag hätte aufgenommen werden sollen, so dass die Änderungen des Abkommens nach etwa drei Jahren hätten erfolgen sollen.
Das heutige Bosnien und Herzegowina ist instabil, ein Rechtsstaat existiert kaum, die Korruption ist auf hohem Niveau, Armut und soziale Unsicherheit nehmen ständig zu, und die Abwanderung, da junge und qualifizierte Menschen Bosnien und Herzegowina verlassen, ist seit Jahren fast unaufhaltsam. Das Dayton-Abkommen und die Verfassung von Bosnien und Herzegowina bleiben jedoch unverändert, untergraben demokratische Rechte und führen das Land so immer tiefer in die Perspektivlosigkeit und immer weiter von der EU weg.
Bosnien und Herzegowina – der größte Verlierer der Jugoslawienkriege
Die internationale Gemeinschaft spielt immer noch keine konstruktive Rolle, ist gespalten, desinteressiert und macht seit Jahren die gleichen Fehler wie in den 90er Jahren. Ist der schreckliche Krieg dieser Zeit vergessen? Die internationale Gemeinschaft toleriert die aggressive und nationalistische Rhetorik vieler bosnisch-herzegowinischer Politiker, die seit Jahren verurteilte Kriegsverbrecher verherrlichen.
Sie könnte den Hohen Repräsentanten mit den sogenannten Bonner Befugnissen um Hilfe bitten, um dies zu ändern, tut es aber nicht. Heute muss insbesondere die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft appelliert werden, sich ernster mit Bosnien und Herzegowina auseinanderzusetzen, um eine Lösung zu finden, das Land aus dem vom Dayton-Abkommen auferlegten Status quo herauszuführen. Oder soll man zulassen, dass Bosnien und Herzegowina nach allem einfach zerfällt?
Ein starker Akteur ist Russland, das eigene Interessen verfolgt und sich schon lange in die Situation der Region einmischt und meist Serbien als verlängerten Arm nutzt, um Unruhe in die politische Landschaft zu bringen und sich der EU und den USA zu widersetzen. Das jüngste Beispiel nationalistischer Ausschreitungen nach den Wahlen in Montenegro sollte für alle eine rote Linie sein.
Bosnien und Herzegowina ist der größte Verlierer der sogenannten Jugoslawienkriege. Die „Macht der Fakten“ bestimmt seit 25 Jahren seit der Etablierung von Dayton das politische Handeln und das Zusammenleben in allen Lebensbereichen in Bosnien und Herzegowina – und das hat nichts mit Versöhnung und Gerechtigkeit nach dem Krieg zu tun. Im Gegenteil, das Dayton-Abkommen hat den Weg für nationalistische und sezessionistische Kräfte in Bosnien und Herzegowina geebnet, die seit Jahrzehnten darauf abzielen, den Staat zu zerschlagen.
Vor 25 Jahren sagte der damalige Präsident von Bosnien und Herzegowina, Alija Izetbegović, nach der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens: „Und ich sage meinem Volk: Dies ist vielleicht kein gerechter Frieden, aber er ist gerechter als die Fortsetzung des Krieges. In einer solchen Situation und in der Welt, wie sie ist, kann kein besserer Frieden erzielt werden. Gott sei unser Zeuge, dass wir alles getan haben, was in unserer Macht stand, um das Ausmaß der Ungerechtigkeit für unser Land und unser Volk zu verringern.“
Aber wir alle wissen, dass es ohne Gerechtigkeit keinen dauerhaften Frieden geben kann. Es ist an der Zeit, dass Bosnien und Herzegowina Gerechtigkeit erfährt.
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