
Im März 2011 brach in Syrien ein Krieg aus, und damals glaubten viele, dass Baschar al-Assad schnell gestürzt würde, wie viele andere Führer während des Arabischen Frühlings. Doch das geschah nicht. Assad ist noch an der Macht. Der Direktor des Internationalen Instituts für Nahost- und Balkanstudien aus Ljubljana, Zijad Bećirović, analysierte im Magazin Global auf BHT1 die aktuelle Lage in Syrien, erklärte, warum sowohl der Türkei als auch Syrien die Existenz des ISIL gelegen kommt, wie der Westen den IS unterstützte und warum es für Russland wichtig ist, dass der Westen sich an der Zerstörung des ISIL beteiligt.
- Der Islamische Staat ist stark und hält Territorien, er hat die Unterstützung der Sunniten sowohl im Irak als auch in Syrien, er wendet eine militärische Taktik an, die eine Kombination aus Guerilla- und frontaler Kriegsführung ist, er hält auf keinen Fall um jeden Preis an einem Territorium fest, sondern zieht sich zurück und konsolidiert seine Kräfte an einer anderen Front, sodass sie nach der Einnahme von Tikrit durch die irakische Regierung den Ort Ramadi, 110 Kilometer von Bagdad entfernt, eingenommen haben. Das bedeutet, sie haben sofort auf die Schritte der irakischen Regierung reagiert – erklärt Bećirović die Kriegsstrategie des ISIL, berichtet die bosnische Nachrichtenagentur Patria.
Die Situation ist kompliziert, sagt dieser Nahost-Experte. Rebellengruppen bekämpfen sich gegenseitig, und jede militärische Intervention von außen ist unter solchen Bedingungen fast unmöglich. Was das Regime von Baschar al-Assad selbst betrifft, so ist es auf dem von ihm kontrollierten Gebiet recht stabil. Das sei, so sagt er, eigentlich ein minimales Territorium, das man zu nutzen versuche, um – irgendwann in der Zukunft – einen alawitischen Staat zu schaffen, falls es zum Zerfall Syriens komme.
Auf die Frage, ob Putins Initiative, ein Bündnis zwischen dem Westen und Assad im Kampf gegen den ISIL zu schaffen, realistisch sei, sagt Bećirović, dass die Initiative vor allem deshalb aussichtsreich sei, weil Putin die syrische Krise für zwei Ziele nutze: um nach der Isolation und den verhängten Sanktionen wegen des Krieges in der Ukraine auf die internationale Bühne zurückzukehren und um seine militärischen und politischen, geopolitischen Interessen zu schützen, d.h. den Militärhafen Tartus, der ein russischer Militärstützpunkt an der syrischen Küste ist, und um im Falle eines Zerfalls Syriens zur Ausrufung eines unabhängigen alawitischen Staates an der syrischen Küste zu gelangen.
- Putin weiß sehr gut, dass der ISIL in Zukunft eine Bedrohung für Russland darstellen wird, keinesfalls aber für Amerika in dieser Zeit, und deshalb will er alle Kräfte sammeln, um mit dem ISIL abzurechnen, und das ist eine Abrechnung mit einem zukünftigen Gegner, und das ist ein präventives Handeln von Wladimir Putin und Russland, gleichzeitig versucht Putin, seine politischen Interessen und seine Verbündeten wie das Regime von Baschar al-Assad zu schützen – meint Bećirović, berichtet Patria.
Vor drei Jahren war Russland bereit, über die Zukunft Syriens ohne Assad zu sprechen, aber damals wollte der Westen nicht mit Moskau zusammenarbeiten. Die Folge ist eine große Flüchtlingskrise, in Syrien mehr als 200.000 Tote. Auf die Frage, ob der Westen damals eine Lösung verpasst habe und sich nun mit den Folgen dieser Krise befasse, sagt Bećirović, dass der Westen viele Lösungen verpasst habe, nicht nur, wenn es um den Nahen Osten gehe.
- Wir können uns auch an die Krise erinnern, die durch den Zerfall Jugoslawiens entstanden ist. Wie lange hat der Westen gebraucht, um eine Lösung zu finden. Der Westen war zu spät dran, was Syrien betrifft, und allgemein den Nahen Osten, aber der Westen hat dort auch seine strategischen Interessen, denn einfach so ist der Islamische Staat nicht entstanden, er konnte nicht ohne den Willen bestimmter Großmächte oder, sagen wir, ohne die Unterstützung dieser Mächte entstehen, denn er funktioniert jetzt in voller Kapazität, vielleicht sogar besser als einige Nachbarstaaten – sagt Bećirović und fügt hinzu, dass man jetzt zu retten versuche, was zu retten sei.
- Der Westen versucht, seine Interessen zu schützen, auch die Interessen der Nachbarstaaten, vor allem Saudi-Arabiens und Israels. Russland ist im Nahen Osten ein viel wichtigerer Faktor als in den globalen Beziehungen, und indem es seine Interessen schützt, schützt es auch das Assad-Regime – sagt Bećirović.
Was die Rolle der Türkei im Kampf gegen den ISIL betrifft, erklärt Bećirović, dass die Türkei den ISIL stillschweigend unterstütze, weil sie den ISIL als Gegengewicht zur PKK-Partei und den Kurden in Syrien brauche, die die Lieblinge Amerikas, Russlands und sogar Assads selbst seien, und deshalb sei es nicht in ihrem Interesse, dass der ISIL vernichtet werde, solange sich die Türkei nicht in Syrien selbst positioniert habe. Diese Haltung der Türkei komme jedoch auch dem Regime von Baschar al-Assad selbst entgegen, denn solange es den ISIL gebe, sei sein Regime sowohl für den Westen als auch für die Verbündeten und für Russland ständig wichtig, berichtet Patria.
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