
Verfasser: Larisa Velić und Senadin Lavić
Seit drei Jahrzehnten sind wir verschiedenen Handlungen ausgesetzt, die versuchen, die Rechtsstaatlichkeit aus dem alltäglichen Funktionieren der Institutionen in Bosnien und Herzegowina zu verdrängen. Die jüngsten Ereignisse zeigen, dass wir nun anstelle des Prinzips der Legalität institutionellen Handelns ein Modell der „ethnischen Vertretung“ einführen, womit verschiedene unloyale und illegale Handlungen gerechtfertigt werden. Mit rhetorischen Methoden, also durch verschiedene Arten von „interpretatorischen“ Betrügereien oder willkürlichen Auslegungen von Gesetzen, wird versucht, die Priorität des ethnischen Prinzips in das Funktionieren des gesamten Gesellschaftssystems zu etablieren und somit ein ethnoktisches politisches System zu schaffen, das sich völlig von der modernen Demokratie unterscheidet.
Seit Jahren besteht eine Spannung zwischen „Vernunft“ und „politischen Konzeptionen“, die wir durch staatsfeindliche Handlungen hochrangiger Politiker verfolgen, die sich in der Leugnung des Staates und seiner Institutionen, der Verabschiedung verfassungswidriger Gesetze, der Missachtung von Gerichtsentscheidungen, der absichtlichen falschen Auslegung von Gesetzesbestimmungen, der Anpassung von Rechten und Rechtsnormen an ethnische Kriterien und der Gesetzesverletzung usw. äußern. Die Frage ist, warum staatliche Institutionen, die die verfassungsmäßige Ordnung des Staates schützen sollen, nicht auf offenkundig verfassungswidrige Handlungen und die Leugnung des Staates reagieren?
Eine angemessene Reaktion der zuständigen Institutionen blieb aus, und das war ein Signal, weiter zu gehen, die Grenzen zu testen, die hier anscheinend sehr dehnbar sind. Selbst nachdem im bosnisch-serbischen Entität Republika Srpska das Gesetz über die Nichtumsetzung von Entscheidungen des Verfassungsgerichts von BiH verabschiedet wurde, nachdem Entscheidungen über die Nichtannahme von Entscheidungen der Staatsanwaltschaft und des Gerichts von BiH, SIPA, sowie die Stärkung der inter-entitären Grenzen angekündigt wurden, blieb eine Sanktion aus. Was wir als „Vernunft“ bezeichnen, wird unter Berücksichtigung weltweiter Standards hier nicht beachtet und existiert nicht mehr, denn in Bosnien und Herzegowina wird eine „perverse“ Vernunft aufgezwungen, die nun die akzeptablen Grenzen der Normalität verliert. Auf der Bühne findet die Leugnung des Völkermords und die Verherrlichung von Kriegsverbrechern statt, die Bagatellisierung der Kriegsereignisse in Srebrenica, die Anstiftung zu Hass, der Aufruf zur Missachtung und Nichtumsetzung von Entscheidungen des Verfassungsgerichts von BiH als deren direkte Verletzung. Es scheint, dass diktatorisches Verhalten auf Respekt und Zurückhaltung stößt, und man könnte sagen, sogar auf Angst vor konkreten Maßnahmen, die ein solches Handeln stoppen und sanktionieren würden.
Im Zentrum der gesamten Geschehnisse steht zweifellos das Staatseigentum, das Ausdruck der Staatlichkeit, der Souveränität und der territorialen Integrität eines Staates ist. In seiner jüngsten Ansprache betont Dodik: „Wenn sie uns das Eigentum wegnehmen, werden wir nichts sein“, und die Implikation des Genannten ist die Selbstjustiz, die dazu führen soll, dass gerade der Staat zu diesem „Nichts“ wird. Die bereits ziemlich instruierten Bürger bleiben in aufgezwungenen politischen Ansichten gefangen, deren Nutzen sie nicht einmal zu bezweifeln wagen, und unterstützen den Mythos der Wegnahme von Eigentum, das dem Entität Republika Srpska gehört. Nirgendwo in der „Interpretation“ des Entitäts wird der Staat Bosnien und Herzegowina erwähnt.
Die Arbeit der Parlamentarischen Versammlung von BiH, die als einzige für die Verabschiedung eines Gesetzes über Staatseigentum zuständig ist, wird all die Jahre behindert, damit am Ende der Staat enteignet, entwurzelt, d.h. dematerialisiert und zu einer leeren Hülle wird. Staatseigentum wird, ungeachtet des Gesetzes über das Verbot der Verfügung über Staatseigentum und der Entscheidungen des Verfassungsgerichts von BiH, bereits auf das Entität RS eingetragen, und auf der Ebene der Entitäten wurden bereits viel früher zahlreiche Gesetze verabschiedet, die den Entitäten de facto Eigentumsbefugnisse verleihen.
Aber es geht nicht nur um Staatseigentum! Allein in diesem Jahr verfolgten wir Folgendes: die Feier des 9. Januars in Istočno Sarajevo, an der 2.500 Angehörige des Innenministeriums des Entitäts RS teilnahmen, die mit Waffen unmittelbar über Sarajevo waren, obwohl das Verfassungsgericht von BiH festgestellt hat, dass die Feier dieses Datums nicht mit der Verfassung von BiH vereinbar ist; unmittelbar danach verabschiedet die Versammlung der RS das Gesetz über das unbewegliche Vermögen der RS, mit dem sie rechtswidrig Staatseigentum in Eigentum der RS umwandeln, nun verabschieden sie das Gesetz über die Nichtanwendung von Entscheidungen des Verfassungsgerichts im Gebiet der RS und kündigen die Verabschiedung eines Gesetzes an, das die Umsetzung von Entscheidungen des Gerichts von BiH, der Staatsanwaltschaft von BiH und der SIPA im Gebiet dieses Entitäts verhindern wird.
Diktatorische Willkür scheint auf die Abschaffung der Grundlagen des demokratischen Systems abzuzielen, indem die Abschaffung der Judikative als einer der drei Gewalten eingeleitet wird. Wenn dies so weitergeht, werden wir nicht mehr von einem Rechtsstaat sprechen können. Für jegliche Kalkulationen gibt es keinen Platz und keine Zeit mehr, die Bürger dieses Landes erwarten ein endgültiges Handeln der zuständigen Institutionen, damit diese gemäß ihren Befugnissen die notwendigen Interventionen vornehmen, um die volle Umsetzung der Verfassung von BiH zu ermöglichen und weitere seessionistische Handlungen zu stoppen.
*Larisa Velić ist Dekanin der Juristischen Fakultät in Zenica und Vorsitzende des Senats der Universität in Zenica. Einen Großteil ihrer Karriere verbrachte sie in Deutschland, wo sie die Juristische Fakultät absolvierte, das juristische Staatsexamen ablegte, promovierte und als Anwältin tätig war, bevor sie nach BiH zurückkehrte.
*Senadin Lavić ist Professor an der Fakultät für Politikwissenschaften in Sarajevo. Er ist Autor wissenschaftlicher und fachlicher Bücher und Arbeiten im In- und Ausland. Er ist Mitglied der Vereinigung unabhängiger Intellektueller Krug 99.
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