
Das Internationale Institut für Nahost- und Balkanstudien (IFIMES) aus Ljubljana, Slowenien, analysiert regelmäßig die Ereignisse im Nahen Osten und auf dem Balkan.
Anlässlich des tätlichen Angriffs auf den Premierminister der Republik Serbien, Aleksandar Vučić, bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Völkermords in Srebrenica am 11. Juli analysiert IFIMES die aktuellen Ereignisse im Sicherheitssektor in BiH und die dringend notwendigen personellen Veränderungen. Aus der Analyse „Bosnien und Herzegowina: Unvermeidliche Ablösungen im Sicherheitssektor?“.
Die wichtigsten Teile übermittelt die Nachrichtenagentur Patria.
Der tätliche Vorfall mit dem Präsidenten der Regierung der Republik Serbien, Aleksandar Vučić, bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Völkermords in Srebrenica am 11. Juli wirft zahlreiche Fragen im Sicherheitssektor auf, die ihren Abschluss finden müssen.
Wenn professionelle Standards berücksichtigt würden, müssten die Leiter der Sicherheits- und Nachrichtendienste auf der Ebene Bosnien und Herzegowinas und der Entität Republika Srpska zurücktreten oder bereits abgesetzt worden sein. Sogar die derzeitige Regierung in Bosnien und Herzegowina hat die Direktoren der Agenturen nicht aufgefordert, von ihren Posten zurückzutreten.
Ermittlungen gegen sich selbst
Die Bildung von Untersuchungs- und ähnlichen Kommissionen wird keine Ergebnisse bringen, da die Sache mehr als vollkommen klar ist. Die von den Sicherheitsbehörden gemachten Versäumnisse sind amateurhaft und/oder vorsätzlich. Nämlich, hochrangige internationale Vertreter, ausländische Delegationen, Staats- und Regierungschefs durch ein Spalier von etwa 200 Metern Länge durch eine versammelte Menge von 60.000 Opfern am Tag der Beisetzung und nach monatelangem politischem Spin aus Serbien und der Entität Republika Srpska zu führen, grenzt an Kriminalität höchsten Niveaus.
Es ist unvorstellbar, dass Sicherheitsbehörden ein solches Versäumnis begehen können, und es ist absurd, dass dieselben Leute in diesem Fall Ermittlungen gegen sich selbst führen. Es handelt sich um ein katastrophales Versäumnis der Sicherheitsbehörden und der derzeitigen Regierungen in Bosnien und Herzegowina.
Wahnsinnig vorbereitetes Protokoll
Analysten warnen sogar, dass die politische Bühne in Bosnien und Herzegowina in Wirklichkeit eine Geisel der mächtigsten Sicherheits- und Nachrichtendienste nicht nur aus BiH, sondern auch aus der Region ist. Es ist schlichtweg unmöglich, dass bis jetzt niemand aus den Sicherheitsstrukturen an die Öffentlichkeit getreten ist und sich diesem wahnsinnigen Protokoll widersetzt hat, das vorsah, hochrangige Beamte unmittelbar vor der Beisetzung direkt durch die versammelte Menge zu führen, die lange vor der Ankunft der hohen Gäste gegen Vučić skandiert hatte.
Die Sicherheitsbehörden aus BiH sind national und territorial vernetzt, und es gibt absolut kein Element, das für die These eines Plans oder einer Verschwörung spricht, die seit Tagen von den serbischen Geheimdiensten über die serbischen Medien verbreitet wird.
Verantwortung für den Vorfall liegt auch bei Serbien
Der Vorfall mit Vučić hat nur gezeigt, dass eine dringende Durchlüftung der Sicherheitsstrukturen in BiH auf allen Ebenen notwendig ist. Natürlich tragen auch die serbischen Sicherheitsbehörden, die direkt mit den Sicherheitsbehörden Bosnien und Herzegowinas zusammengearbeitet haben, die gleiche Verantwortung für den Vorfall.
Es bestand sogar die Möglichkeit, die Route von Aleksandar Vučić unmittelbar vor dem Vorfall vor dem Betreten des Gedenkzentrums Potočari/Srebrenica zu ändern, denn jeder professionell vorbereitete Sicherheitsplan muss mehrere Varianten für den Fall einer Krisensituation bzw. einer Gefährdung der geschützten Person enthalten.
Serbische Propagandamaschinerie
Ohne eine sofortige Reaktion der bosnisch-herzegowinischen Behörden wird die serbische Propagandamaschinerie weiterhin wütend die Ursachen des Vorfalls mit Vučić spin-doktern. Der Vorfall ist in Wirklichkeit der finale Abschluss der serbischen Nichtanerkennung des Völkermords in Srebrenica, angefangen von der Verhaftung von Naser Orić auf Grundlage eines serbischen Haftbefehls bis hin zum Veto Russlands gegen die britische Resolution im UN-Sicherheitsrat.
Alle aufgezählten Aktionen sollten die Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Völkermords von Srebrenica minimieren, und Vučićs Ankunft in Srebrenica war nur der letzte Akt der Leugnung des Völkermords. Vučić hat im letzten Monat intensiv daran gearbeitet, den Völkermord in Srebrenica nicht anzuerkennen, und er erschien in Srebrenica in dem Wissen, dass sein Besuch auf symbolischer Ebene mit der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Völkermords gleichgesetzt werden würde.
Sicherheitsexperten sind der Ansicht, dass es deshalb dringend notwendig ist, die Verantwortlichen des Vorfalls zu verhaften und gleichzeitig Ablösungen im Sicherheitssektor Bosnien und Herzegowinas und der Entität Republika Srpska vorzunehmen.
Ebenso begünstigt die bestehende Pattsituation künftige Angriffe auf geschützte Personen, insbesondere auf jene, die aus der Region nach Serbien kommen werden, aber auch auf alle anderen. Leider berufen sich die politischen Vertreter der Serben bei der Leugnung des Völkermords in Srebrenica und der Leugnung der Verantwortung für den Krieg in Bosnien und Herzegowina auf Jasenovac, Jadovno, Kravice, die Ermordung des serbischen Hochzeitsgastes in Sarajevo. Deshalb besteht die reale Gefahr, dass der Vorfall mit Vučić Serbien als „Rechtfertigung“ für die systematische Gefährdung all jener dienen kann, die sich der Leugnung von Verbrechen und Völkermord widersetzen und für die Wahrheit kämpfen.
Die tatsächliche Situation ist genau das Gegenteil von dem, was dieser Tage in Serbien präsentiert wird. Deshalb sollte der erste Schritt des Staatspräsidiums von BiH sein, Premierminister Vučić einzuladen, bald Sarajevo zu besuchen.
Der Vorfall mit Vučić kann einen ausgezeichneten Anlass für die Durchführung einer Reform des Polizeisektors in Bosnien und Herzegowina darstellen, die zur Schaffung einer professionellen und einheitlichen Polizei auf dem gesamten Territorium Bosnien und Herzegowinas führen würde, da die bestehende Polizeiorganisation überholt, unangemessen und ineffizient ist.
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