Ivailo Ditchev: Die Rückkehr der europäischen Grenzen

Patria
AutorPatria
15:27
Podijeli:
Ivailo Ditchev: Die Rückkehr der europäischen Grenzen

SARAJEVO, (Patria) - Das Coronavirus hat nicht nur die Globalisierung gelähmt. Die Pandemie hat auch gezeigt, in welchem Maße das vereinte Europa zersplittert ist. Und das nicht nur, was die Grenzen angeht, sondern auch die Beziehungen zwischen den Generationen und den Klassen.

Die faszinierendste Erkenntnis im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie ist, wie leicht Grenzen wieder hochgezogen werden können. Vielleicht beschreibt die Metapher aus der virtuellen Welt den Zustand am besten: Eine nach der anderen haben die europäischen Staaten mit einem Mausklick ihre „Firewall“ hochgezogen. Denn der Tourismus ist tot, der Handel eingestellt, die Börsen verlieren Billionen und die Globalisierung ist gelähmt, schreibt Ivailo Ditchev / Deutsche Welle.

Hunderttausende Wanderarbeiter sind in ihre Heimatländer Bulgarien, Serbien oder Rumänien zurückgekehrt. Doch dort wurden sie mit gemischten Gefühlen empfangen. Einerseits ist der Slogan „Holt unsere Kinder nach Hause“ seit Jahrzehnten die Dauerparole. Jeder soll dort sein, wo er hingehört! Andererseits gibt es keine Arbeit für die Rückkehrer, besonders nicht in dieser Krisenzeit, und den Staatshaushalten werden die Überweisungen der Auslandearbeiter schmerzlich fehlen.

Die Willkommenszeremonie in der Heimat beinhaltet auch das traurige Ritual der Quarantäne, das von einem Gefühl der Gefangenschaft und der Unbeweglichkeit begleitet wird. Ein Gefühl, das vielen, die hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen sind, gut bekannt ist.

Der Brain-Drain geht weiter

Inzwischen wurde medizinisches Personal in den Westen exportiert, um Länder wie Österreich oder Großbritannien zu unterstützen. Manche halten dies für skandalös, besonders jetzt während des Coronavirus, während andere sagen, dass Osteuropa ohnehin nicht so stark von der Pandemie betroffen sei und dies ein Moment sei, Solidarität zu zeigen (und wenn möglich, die medizinischen Arbeitskräfte auch ein paar Euro nach Hause schicken).

Neue Grenzen zwischen Ost und West haben auch eine medizinische Dimension hervorgebracht. Einer Theorie zufolge besteht die Möglichkeit, dass die Impfung gegen Tuberkulose, die in den sozialistischen Staaten obligatorisch war, nun vor dem Coronavirus schützt. Es werden gerade Untersuchungen zu den Unterschieden zwischen den ehemaligen deutschen Staaten, West und Ost, durchgeführt. Andererseits könnte man zynisch sagen, dass die neue Infektion der Preis für bessere Gesundheitssysteme im Westen ist, die zu einer längeren Lebenserwartung der Bürger geführt haben. Sowohl in Italien als auch in Spanien werden sowohl die längste Lebenserwartung als auch die höchste Sterblichkeitsrate des Coronavirus verzeichnet.

Paradoxe Popularitätssteigerung

Populisten wie Trump, die ihre Politik auf der antiglobalistischen „Grenzen-hoch“-Ideologie aufbauen, feiern Erfolge. Andere wie Orbán nutzen die Corona-Krise, um ihre autoritäre Macht zu festigen. Doch erstaunlicherweise steigt die Popularität aller Politiker, unabhängig davon, ob sie die Krise gut bewältigen oder nicht: Merkel, aber auch Trump, sowie Conti auf der einen und Moon Jae-in auf der anderen Seite. Wir alle wissen, dass die Bürger in Krisenzeiten ihre Führer unterstützen. Diese Unterstützung wird mit der Krise verschwinden.

Doch es scheint, dass Grenzen auch innerhalb der Staaten existieren. Rassismus gegenüber Bürgern asiatischer Herkunft im Westen scheint eine Vorstufe zu etwas zu sein, das folgen könnte. In Bulgarien werden die Stimmen lauter, die fordern, die Roma in ihre Ghettos einzusperren, wo die Infektion zunimmt (was nicht stimmt). Wie immer wird der rassistische Diskurs mit pseudowissenschaftlichen Argumenten kombiniert. Wenn dies in Bulgarien mit den Roma tatsächlich geschieht, ist zu erwarten, dass andere Balkanländer diesem Beispiel folgen werden.

Auf der Suche nach Sündenböcken

Auch der ehemalige italienische Innenminister Matteo Salvini gibt Einwanderern aus Afrika die Schuld, obwohl allgemein bekannt ist, dass sich die Pandemie über Touristen und globale Eliten verbreitet hat und nicht über arme Bürger, die an ihre Häuser gefesselt sind. Der Name der Infektion wird hartnäckig vom „kleinen Mann“ bis zum Weißen Haus verwendet und impliziert eine ethnische Herkunft: Das „chinesische Virus“ ist das Verdienst unserer Feinde, derer, die Fledermäuse essen und nichts mit unserer Kultur gemeinsam haben.

Doch die gefährlichsten unsichtbaren Grenzen sind die zwischen den Generationen gezogen. Die Krankheit stellt Jung und Alt schmerzlich gegenüber, als ob letztere die Einzigen wären, die von der Infektion bedroht sind. Man hört, dass die Weltwirtschaft durch Maßnahmen zur Rettung derer gefährdet wird, die ohnehin dem baldigen Tod geweiht sind. Wäre es nicht besser, alle Älteren an getrennten Orten einzusperren, damit der Rest eine „Herdenimmunität“ entwickeln kann?

Den intergenerationellen Vertrag erneuern

Solche Entscheidungen scheinen derzeit moralisch unerreichbar. Doch sie rufen nach einer Erneuerung des intergenerationellen Vertrags. Ethische Überlegungen stehen vor der Herausforderung brutaler quantitativer Daten. Die Gesundheitskosten für Bürger über 65 Jahre sind dreimal höher als für alle drei anderen Altersgruppen. Hinzu kommt, dass die Älteren eine Gefahr für die Rentensysteme darstellen, da immer weniger Jüngere die ausscheidenden Rentner ersetzen. Die niedrige Geburtenrate ist auch dem Babyboom zu verdanken, was besonders in Osteuropa sichtbar ist.

Manche sprechen sogar von einer Zeitbombe in Höhe von 400 Billionen Dollar, die nach einigen Schätzungen bis 2050 weltweit fehlen werden. Diese Bombe könnte die Wirtschaft, wie wir sie heute kennen, zerstören.

Klassenkämpfe am Horizont

Und hier hören die Konflikte nicht auf. Wir könnten Zeugen eines wachsenden Klassenkampfes zwischen Arm und Reich werden. Spannungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Zwischen demokratischen und autoritären Parteien...

Grenzen gibt es in Europa plötzlich im Überfluss. Können wir hoffen, dass sie über Nacht verschwinden, so wie sie aufgetaucht sind?

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