Jeder elfte Mensch auf der Welt hungert

Patria
AutorPatria
21:07
Podijeli:
Jeder elfte Mensch auf der Welt hungert

(Patria) - Jeder elfte Mensch auf der Welt hungert. Die Klimakrise, Kriege, Ungleichheit und sinkende Mittel gefährden bisherige Erfolge im Kampf gegen den Hunger.

Dies geht aus dem Jahresbericht der Deutschen Welthungerhilfe für 2024 hervor, der gestern in Berlin vorgestellt wurde, berichtet Deutsche Welle.

Trotz aller Schwierigkeiten versucht die auf staatliche Unterstützung und Spenden angewiesene, private Hilfsorganisation Hoffnung zu machen.

- Unser Ziel, eine Welt ohne Hunger, ist weiterhin erreichbar, aber nur, wenn sie Priorität hat, politisch gewollt und ausreichend finanziert wird - heißt es von der Organisation.

Der Blick auf die Realität zeigt jedoch, dass der Trend seit Jahren dramatisch in die entgegengesetzte Richtung geht – weltweit leiden 733 Millionen Menschen aktuell unter chronischer Unterernährung.

Seit 2019 ist diese Zahl um 152 Millionen gestiegen. Und die Lage dürfte sich weiter verschärfen, da die USA und Deutschland, die wichtigsten Geberländer, ihre Budgets für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe spürbar gekürzt haben.

- Kürzungen im Haushalt kosten Menschenleben. Was auf dem Papier wie eine Sparmaßnahme aussieht, bedeutet für Millionen Menschen Hunger, Flucht oder gar den Tod – sagt die Präsidentin der Welthungerhilfe Marlehn Thieme.

Die Bekämpfung des Hungers müsse politische Priorität bleiben, fordert sie angesichts immer mehr Kriege und Krisen. Besonders betroffen sind die Palästinenser im Gazastreifen und die Menschen im Sudan.

Dort, aber auch in anderen Regionen, werde Hilfsorganisationen der Zugang immer mehr erschwert, kritisiert der Generalsekretär der Welthungerhilfe Mathias Mogge.

Die humanitäre Lage in Gaza gehöre zum Schlimmsten, was er in über 30 Jahren Arbeit gesehen habe.

Laut dem Bericht waren über 90 Prozent der Menschen seit Beginn des Krieges zwischen der Terrororganisation Hamas und Israel vertrieben worden. Fast zwei Millionen Menschen waren Ende 2024 auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, 345.000 von ihnen standen am Rande des Hungertodes.

- Selbst die Wissenschaftler der Welthungerhilfe hatten nichts mehr zu essen. Ein 25-Kilo-Sack Weizen kostet 520 Dollar. Das ist ein Zeichen dafür, dass es einfach nichts mehr gibt – sagt Mogge.

Anders als in Gaza gibt es von den Leiden der Menschen im Sudan nur wenige Bilder.

- Dort kommt niemand hin, deshalb hört man auch wenig davon – beschreibt Mogge den Unterschied in der medialen Berichterstattung. Genau das sei oft Auslöser für das Handeln von Organisationen wie der Welthungerhilfe.

Seit April 2023 führt die sudanesische Armee heftige Kämpfe mit einer paramilitärischen Gruppe, die sich „Rapid Support Forces“ nennt.

Mehr als elf Millionen Menschen sind im Land auf der Flucht. Rund 25 Millionen, so die Vereinten Nationen (UN), benötigen humanitäre Hilfe, das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung.

Im Sudan sei die Arbeit von Helfern, so Mogge, gefährlicher als anderswo.

- Wir haben immer noch Mitarbeiter vor Ort, die sich teilweise verstecken müssen. Jedes Mal, wenn wir an Lebensmittel kommen, die wir verteilen können, kommen die Mitarbeiter zusammen und versuchen, die Verteilung zu organisieren – erzählt Mogge.

Aber nicht nur im Sudan sei man oft zu spät auf aufziehende Katastrophen reagiert, räumt der Generalsekretär selbstkritisch ein. Deshalb habe die Organisation ein Frühwarnsystem für humanitäre Hilfe etabliert, um schneller auf Krisen und Kriege, aber auch auf Folgen des Klimawandels reagieren zu können.

- Dann werden Hilfsgelder im Voraus ausgezahlt, damit die Menschen nicht alles verlieren, was sie besitzen – Vieh, Geld und landwirtschaftliche Geräte, sondern es so weit wie möglich behalten, und nach einer Katastrophe nicht bei Null anfangen müssen – erklärt Mogge.

Ein weiteres Krisenherd der Welthungerhilfe ist Syrien, wo die humanitäre Lage auch nach dem Machtwechsel im Dezember 2024 weiterhin katastrophal ist.

Fast 15 Millionen Einwohner können sich ohne Hilfe nicht ausreichend ernähren. Die Wirtschaft ist nach 14 Jahren Bürgerkrieg völlig zerstört. Es fehlt an allem: Wasser, Nahrung, Strom, medizinischer Versorgung, Schulen.

Ende des Jahres stieg der Brotpreis in Aleppo innerhalb eines Monats um sage und schreibe 900 Prozent, heißt es im Jahresbericht der Organisation. Um die Versorgung sicherzustellen, werden Bäckereien unterstützt.

Syrien ist eines von 37 Ländern und Regionen, in denen die Organisation aktuell aktiv ist. Vor Ort arbeitet sie mit über 300 Partnern zusammen.

Für ihre Arbeit standen der 1962 gegründeten deutschen Organisation im Jahr 2024 rund 384 Millionen Euro zur Verfügung. Davon kamen fast 87 Millionen aus Spenden.

Den größten Beitrag, in Höhe von 147 Millionen Euro, leistete das deutsche Entwicklungsministerium. Den Rest trugen internationale Institutionen, darunter das Welternährungsprogramm der UN und die Europäische Kommission.

Die zentrale Aussage des Jahresberichts lautet: „Hunger und gewaltsame Konflikte sind eng miteinander verbunden: Ohne eine gesicherte Versorgung mit Nahrungsmitteln ist Frieden schwer zu erreichen, und ohne Frieden ist es fast unmöglich, den Hunger zu besiegen.“

Vor diesem Hintergrund appelliert die Präsidentin Marlehn Thieme an die internationale Gemeinschaft und die Bundesregierung, Konflikte durch politische Initiativen und diplomatische Lösungen zu beenden.

- Investitionen in Waffen bringen allein keine Sicherheit – betont sie und spielt auf die weltweit stark steigenden Militärausgaben an.

Auch Deutschland plant, seinen Militärhaushalt von zwei auf fünf Prozent des BIP zu erhöhen. Während sich dieser Haushaltsposten mittelfristig mehr als verdoppeln wird, soll die vom Auswärtigen Amt finanzierte humanitäre Notfallhilfe für 2025 halbiert werden – auf eine Milliarde Euro.

Gleichzeitig sinken die Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit unter den angestrebten Zielwert von 0,7 Prozent, die als Verpflichtung gelten.

- Damit verzichtet die Bundesregierung nicht nur finanziell, sondern auch politisch auf internationale Verpflichtungen – kritisierten die Welthungerhilfe und die Kinderschutzorganisation Terre des Hommes bereits im Juni.

Für eine Änderung dieser Situation gibt es derzeit keine Anzeichen.

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